Nach dem Wochenende mit zu viel Grillfleisch und Rosé verspricht das Regal im Drogeriemarkt Erlösung: Detox-Tee, Saftkur, Chlorophyll-Tropfen, ein Neustart für den Körper. Der Gedanke ist verlockend, und die Industrie verdient gut daran. Nur, dein Körper hat das Entgiften längst erledigt, während du das Etikett gelesen hast. Er braucht dafür weder Tee noch Kur.
Das Versprechen vom Neustart
Detox ist längst ein Milliardenmarkt. Allein 2023 wurden weltweit mehrere Milliarden Euro mit Produkten umgesetzt, die Entgiftung, mehr Energie oder schnellen Gewichtsverlust versprechen. Besonders junge Erwachsene greifen zu Saftkuren, Detox-Tees oder Chlorophyll-Tropfen. Influencer und Prominente präsentieren sie als natürlichen Neustart für den Körper.
Der Begriff klingt wissenschaftlich, ist es aber nicht. Die Werbung vermittelt, der Körper müsse regelmässig von Schadstoffen befreit werden und brauche dafür Unterstützung aus der Flasche oder dem Teebeutel. Für diese Entgiftungswirkung gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Beleg.
Wie der Körper wirklich entgiftet
Ein gesunder Körper arbeitet rund um die Uhr daran, Stoffwechselprodukte und schädliche Substanzen abzubauen. Die wichtigste Rolle übernimmt die Leber. Sie wandelt Stoffe um, macht sie unschädlich oder bereitet sie für die Ausscheidung vor, etwa beim Alkoholabbau.

Die Nieren filtern Abfallstoffe aus dem Blut und scheiden sie über den Urin aus. Der Darm transportiert unverwertbare Stoffe aus dem Körper, die Lunge gibt Kohlendioxid bei jedem Atemzug ab. Auch die Haut beteiligt sich an Ausscheidungsprozessen, ihre Rolle bei der eigentlichen Entgiftung ist jedoch gering.
Selbst in den Körperzellen läuft ständig eine Art Recyclingprogramm. Dieser Prozess heisst Autophagie. Für seine Erforschung wurde 2016 der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen.
Der Schweizer Ernährungswissenschaftler David Fäh erklärt, ausscheidungspflichtige Stoffe würden über Leber und Nieren ausgeschieden oder von der Leber umgewandelt. Ein gesunder Körper komme damit selbst zurecht. Wie SRF mit David Fäh einordnet, braucht es dafür keine Detox-Produkte.
Der Mythos von den Schlacken
Kaum ein Detox-Begriff hält sich so hartnäckig wie die angeblichen Schlacken im Körper. Die Vorstellung stammt aus dem Mittelalter und hat in der modernen Medizin keinen Platz.
Weder in der wissenschaftlichen Literatur noch in medizinischen Lehrbüchern ist definiert, was solche Schlacken überhaupt sein sollen. Es gibt auch keinen Beleg dafür, dass sich derartige Stoffe im Körper ansammeln und ausgeleitet werden müssten.
Detox-Produkte werben deshalb häufig mit unscharfen Formulierungen, ohne konkret zu benennen, welche Stoffe entfernt werden sollen.
Warum Saftkur und Tee nichts bringen
Für Detox-Tees und Saftkuren fehlt ein wissenschaftlicher Nachweis. Zu diesem Schluss kommen unter anderem die Verbraucherzentrale, Stiftung Warentest und das Forschungsnetzwerk Cochrane, das 2019 keine Belege für gesundheitliche Vorteile fand.

In der Europäischen Union darf bei Lebensmitteln deshalb nicht mit dem Begriff «Detox» geworben werden, wenn damit eine Entgiftungswirkung suggeriert wird. Hersteller weichen stattdessen auf andere Formulierungen aus.
Einige Produkte sind nicht nur wirkungslos, sondern können auch Nachteile haben. Detox-Tees enthalten teilweise Senna oder andere Abführmittel. Werden sie länger verwendet, können Elektrolytstörungen und Darmschäden auftreten.
Auch Saftkuren halten selten, was sie versprechen. Wer mehrere Tage ausschliesslich Frucht- und Gemüsesäfte trinkt, nimmt oft grosse Mengen Zucker auf. Das belastet die Leber eher zusätzlich. Der Gewichtsverlust während einer Saftkur besteht meist vor allem aus Wasser, nicht aus Fett.
Mit dem Wellness-Detox hat eine echte Vergiftung nichts zu tun. Wer beispielsweise eine Überdosis Medikamente eingenommen hat, braucht medizinische Behandlung und gegebenenfalls ein Gegengift, nicht eine Saftkur.
Was den Organen wirklich hilft
Wer Leber und Nieren unterstützen möchte, braucht keine teuren Programme. Eine ausgewogene, überwiegend pflanzliche Ernährung mit viel Gemüse und möglichst wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln entlastet den Stoffwechsel. Anders als bei vielen Social-Media-Trends zeigen Ballaststoffe tatsächlich einen belegten Nutzen für die Gesundheit. Alkohol in kleinen Mengen oder gar nicht zu trinken hilft der Leber mehr als jede Kur.
Auch genügend Wasser unterstützt die normale Nierenfunktion besser als zuckrige Getränke. Regelmässige Bewegung fördert den Stoffwechsel und regt körpereigene Prozesse wie die Autophagie an. Wer zeitweise fastet, kann diese Prozesse ebenfalls beeinflussen. Fasten ist im Gegensatz zu Detox wissenschaftlich deutlich besser untersucht, eignet sich aber nicht für alle Menschen und sollte bei Vorerkrankungen ärztlich besprochen werden.
Bei bekannten Lebererkrankungen gehören Diagnose und Behandlung in ärztliche Hände. Für gesunde Menschen gilt dagegen etwas Erstaunlich Unspektakuläres: Der Körper entgiftet sich jeden Tag selbst. Das Beste, was man für ihn tun kann, ist ihn dabei nicht unnötig zu belasten.



