Mehr Energie, weniger Brain Fog, wieder mehr Lust: Testosteron wird zunehmend als zusätzliche Hormontherapie für Frauen in den Wechseljahren diskutiert. Die Erwartungen reichen dabei deutlich weiter als das, was wissenschaftlich gut belegt ist. Nachweisen lässt sich ein Nutzen vor allem bei einer bestimmten Form von stark belastendem Libidoverlust. Für mehr Energie oder bessere Konzentration fehlen dagegen belastbare Belege.
Auch Frauen bilden Testosteron
Testosteron wird häufig zuerst mit Männern in Verbindung gebracht. Doch auch Frauen bilden das Hormon. Anders als Östrogen und Progesteron fällt der Testosteronspiegel in den Wechseljahren nicht abrupt ab. Mit zunehmendem Alter verändert sich der Hormonhaushalt dennoch. Manche Frauen erleben in dieser Lebensphase weniger sexuelles Verlangen oder weniger Energie im Alltag.
Vor diesem Hintergrund wächst das Interesse an Testosteron während der Wechseljahre. In sozialen Medien, Podcasts und der öffentlichen Debatte wird das Hormon mit verschiedenen Hoffnungen verbunden. Besonders häufig geht es um mehr Energie, bessere Konzentration und eine wiederkehrende Libido.
Die wissenschaftliche Datenlage trägt diese Erwartungen jedoch nicht gleichermassen. Gut belegt ist ein möglicher Nutzen bei Frauen, die unter einem ausgeprägten Verlust von Lust und sexuellem Interesse leiden und dadurch erheblich belastet sind. Dafür gibt es einen medizinischen Begriff: hypoaktive sexuelle Luststörung, kurz HSDD.
Für andere häufig genannte Hoffnungen ist die Situation weniger eindeutig. Der SRF-Beitrag verweist darauf, dass für Verbesserungen der Konzentrationsfähigkeit oder der allgemeinen Energie keine vergleichbar gesicherten Nachweise vorliegen. Das bedeutet nicht, dass persönliche Erfahrungen bedeutungslos sind. Sie können aber nicht mit einem wissenschaftlich belegten Therapieeffekt gleichgesetzt werden.
Jeanette Kuster: «Seit ich Testosteron nehme, bin ich wieder die Alte»
Wie gross der Unterschied zwischen Studienlage und persönlicher Erfahrung sein kann, zeigt der Fall von Jeanette Kuster. Die Journalistin und Buchautorin litt ab Mitte vierzig stark unter den Wechseljahren.
Sie beschreibt diese Zeit so: «Ich war extrem erschöpft und probierte alles Mögliche aus: Nahrungsergänzungsmittel, Vitamine, Magnesium. Ich habe viel Geld ausgegeben, doch nichts hat richtig genützt.»
Kuster entschied sich schliesslich für eine Hormonersatztherapie. Sie recherchierte weiter und erfuhr dabei, dass neben Östrogen und Progesteron bei Frauen auch Testosteron eingesetzt werden kann. Bei ihr wurde ein Testosteronspiegel gemessen, der nach ihrer Schilderung fast bei null lag.
Ihre persönliche Erfahrung war deutlich. Kuster sagt: «Erst mit zusätzlichem Testosteron verschwand mein Brain Fog, meine Energie kam zurück und mit der Zeit auch meine Libido.»
Für sie ist deshalb klar: «Seit ich Testosteron nehme, bin ich wieder die Alte.»

Diese Erfahrung ist für Kuster selbst relevant, sie ist aber kein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis für andere Frauen. Gerade bei Energie und Konzentration bleibt die Studienlage deutlich zurückhaltender als solche individuellen Berichte vermuten lassen. Der belegte Anwendungsbereich ist wesentlich enger und konzentriert sich auf HSDD.
Fachgesellschaften bleiben zurückhaltend
Offizielle Fachgesellschaften empfehlen eine Testosterontherapie bei Frauen aufgrund der begrenzten Datenlage nur zurückhaltend. Entsprechend wird eine Testosteron-Ersatztherapie bei Frauen in der Schweiz bislang selten durchgeführt.
Die medizinische Zurückhaltung richtet sich dabei nicht grundsätzlich gegen den Einsatz des Hormons. Sie spiegelt vielmehr wider, dass bisher nur für einen relativ eng definierten Bereich genügend Nachweise vorliegen.
Auch internationale Leitlinien setzen enge Grenzen. Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt, Testosteron bei niedrigem sexuellem Verlangen im Zusammenhang mit der Menopause zu erwägen, wenn eine Hormonersatztherapie allein nicht ausreichend wirkt. Die NICE-Leitlinie stammt aus Grossbritannien und ist für die medizinische Versorgung in der Schweiz nicht verbindlich.

Bei Frauen mit stark belastendem Libidoverlust kann Testosteron damit eine medizinische Option sein. Wer dagegen vor allem mehr Energie, bessere Konzentration oder eine allgemeine Verbesserung der Wechseljahresbeschwerden erwartet, bewegt sich ausserhalb dessen, was derzeit überzeugend belegt ist.
Die wissenschaftliche Basis ist damit schmaler als manche Erwartungen an Testosteron in den Wechseljahren vermuten lassen.
In der Schweiz gibt es kein speziell für Frauen zugelassenes Präparat
Zur zurückhaltenden Anwendung kommt in der Schweiz eine praktische Besonderheit: Derzeit sind keine Testosteronpräparate speziell für Frauen zugelassen.
Im von SRF porträtierten Fall lässt Jeanette Kuster ihr Testosteron-Gel deshalb auf ärztliches Rezept als Magistralrezeptur in einer spezialisierten Apotheke herstellen. Das beschreibt ihren konkreten Fall und bedeutet nicht, dass Testosteron für Frauen in der Schweiz generell auf diese Weise bezogen wird.
Laut SRF übernimmt die Krankenkasse die Kosten meistens nicht. Damit kann neben der medizinischen Abklärung auch die Kostenfrage für Frauen relevant werden, die sich über eine solche Behandlung informieren.
Testosteron ist keine harmlose Ergänzung
Die zurückhaltenden Empfehlungen haben auch mit der Sicherheit der Behandlung zu tun. Testosteron ist ein wirksames Hormon und sollte nicht wie ein frei verfügbares Mittel gegen Erschöpfung oder sexuelle Unlust betrachtet werden.
Besonders wichtig ist die Situation bei Frauen, die noch Kinder möchten. Sie dürfen kein Testosteron nehmen, weil das Hormon ein ungeborenes Kind schädigen kann.
Auch bei anderen Frauen ist eine sorgfältige Anwendung entscheidend. Die im SRF-Beitrag zitierte Gynäkologin Susanna Weidlinger vom Inselspital Bern betont, dass Testosteron für Frauen extrem niedrig dosiert werden muss und der Testosteronwert regelmässig kontrolliert werden soll.
Bei zu hohen Werten können laut Weidlinger Bartwuchs oder eine tiefere Stimme auftreten. Auch bei korrekter Anwendung seien fettige Haut oder Akne möglich, zudem könne die Körper- oder Gesichtsbehaarung minimal zunehmen.
Für Frauen, die über Testosteron in den Wechseljahren nachdenken, bleibt deshalb die Unterscheidung zwischen persönlicher Erfahrung und gesicherter Wirkung zentral. Bei stark belastendem Libidoverlust gibt es wissenschaftliche Nachweise. Für viele andere Erwartungen sind die Daten deutlich unsicherer. Ob eine Testosterontherapie im individuellen Fall medizinisch infrage kommt, gehört deshalb in eine ärztliche Abklärung und Begleitung.



