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Campylobacter im Poulet: Tiefkühlpflicht für Leber, aber nicht für Fleisch

Marco Baumann
von
Marco Baumann
02.11.2026
Mehrere helle Hühner stehen in einem eingezäunten Auslauf
Campylobacter können im Darm gesunder Hühner vorkommen, ohne dass die Tiere erkennbar krank sind.
Darum gehts ∧
  • 2025 wurden in der Schweiz 8654 Campylobacter-Infektionen gemeldet.
  • Eine Schweizer Studie fand deutliche Unterschiede zwischen gekühltem und tiefgefrorenem Pouletfleisch.
  • Geflügelleber ohne Nachweis einer Campylobacter-freien Herkunft darf nur tiefgefroren abgegeben werden.

Durchfall, Bauchschmerzen und Fieber gehören zu den typischen Beschwerden einer Campylobacter-Infektion. Die meisten Erkrankten erholen sich innerhalb von ein bis zwei Wochen, in seltenen Fällen treten schwere Komplikationen auf. In der Schweiz werden jährlich Tausende Infektionen gemeldet. Eine wichtige Quelle ist Geflügelfleisch. Das bedeutet allerdings nicht, dass jede Erkrankung auf Poulet zurückgeht.

Was die aktuellen Zahlen tatsächlich zeigen

Der Zoonosebericht 2025 des Bundes nennt 8654 laborbestätigte Campylobacter-Infektionen. Im Vorjahr waren es nach den rückblickenden Angaben desselben Berichts 8269. Damit war die Campylobacteriose erneut die am häufigsten gemeldete Zoonose der Schweiz. Die Salmonellose folgte mit 2280 Fällen. Die meisten Campylobacter-Infektionen werden über kontaminierte Lebensmittel übertragen, doch auch andere Ansteckungswege sind möglich.

Einen auffälligen Befund liefert eine 2025 veröffentlichte Schweizer Studie. Forschende untersuchten Pouletfleisch, das sie zwischen Mai und August 2024 im Detailhandel gekauft hatten. Bei 146 von 236 gekühlten, nicht marinierten Proben fanden sie Campylobacter, entsprechend 62 Prozent. Unter 64 tiefgefrorenen Proben waren sieben positiv, also 11 Prozent.

Für den Nachweis verwendeten die Forschenden ein Verfahren, bei dem vorhandene Bakterien zunächst angereichert werden. Die Untersuchung zeigt, ob Campylobacter nachweisbar waren, erlaubt aber keine unmittelbare Aussage über die Keimzahl jedes positiven Fleischstücks. Ausserdem wurden unterschiedliche Produkte verglichen. Wie stark das Einfrieren eines bestimmten Stücks Poulet die Belastung reduziert hätte, lässt sich daraus nicht direkt berechnen.

Rohe Geflügelfleischstücke liegen auf schwarzen Schalen in einer Verkaufsauslage
Untersuchungen von Pouletfleisch im Handel und Kontrollen von Geflügelherden erfassen unterschiedliche Stufen der Produktion.

Die gemeldeten Erkrankungen zeigen nur einen Teil des Geschehens. Viele Betroffene lassen sich nicht untersuchen oder werden nicht auf Campylobacter getestet. Über die letzten zehn Jahre beschreibt der Bund einen schwankenden, insgesamt stabilen Verlauf auf hohem Niveau. Der Anstieg seit 2023 könnte teilweise auch mit veränderten diagnostischen Methoden zusammenhängen.

Besonders im Sommer steigen die Fallzahlen. Im Juli und August 2025 wurden zusammen 2420 Infektionen gemeldet. Neben höheren Nachweisraten bei Geflügelherden kommen die Grillsaison und Auslandsreisen als Einflussfaktoren infrage. Welchen Anteil jeder Faktor an den Erkrankungen hat, lässt sich aus diesen Zahlen nicht bestimmen.

Warum Herdenwerte keine Verkaufszahlen sind

Auch in der Geflügelhaltung bleibt Campylobacter verbreitet. Zwischen 2013 und 2024 schwankte der Anteil positiver Mastpoulet-Herden zwischen 28 und 38 Prozent. Im letzten untersuchten Jahr 2024 lag er bei 34 Prozent. Für 2025 liegen keine neuen Herdenwerte vor, weil die Erhebung im Zweijahresrhythmus stattfindet.

Eine positive Herde bedeutet, dass bei der Untersuchung Campylobacter nachgewiesen wurden. Daraus folgt weder, dass jedes Tier der Herde betroffen ist, noch dass jedes dritte Pouletstück im Laden Bakterien trägt. Um die Belastung an späteren Produktionsstufen zu beurteilen, braucht es separate Fleischuntersuchungen.

Bei der Selbstkontrolle der Geflügelwirtschaft waren 2024 insgesamt 564 von 1995 Proben positiv, entsprechend 28,2 Prozent. Im Jahr 2025 wurden bei 409 von 1300 Untersuchungen aus der Schweizer Poulet- und Trutenproduktion Campylobacter nachgewiesen, also bei 31,5 Prozent.

Die untersuchten Proben umfassten Schlachtkörper und Fleischstücke. Von 385 ausdrücklich ausgewiesenen Pouletfleischproben waren 105 positiv, entsprechend 27,3 Prozent. Diese Ergebnisse lassen sich weder mit den Herdenwerten noch unmittelbar mit der Detailhandelsstudie vergleichen. Die Erhebungen betreffen unterschiedliche Produktionsstufen und Stichproben.

Wie die Bakterien zum Menschen gelangen

Campylobacter können den Darm gesunder Tiere besiedeln und beim Schlachten auf Geflügelfleisch gelangen. Bei der Zubereitung ist eine Übertragung auf Hände, Arbeitsflächen oder verzehrfertige Lebensmittel möglich. Ob Fleisch belastet ist, lässt sich weder am Aussehen noch am Geruch zuverlässig erkennen.

Person schneidet rohes Pouletfleisch mit einem Küchenmesser auf einem Holzbrett
Bei der Zubereitung können Campylobacter von rohem Pouletfleisch auf Hände und Küchenutensilien gelangen.

Untersuchungen zur Herkunft menschlicher Infektionen weisen Geflügel als besonders bedeutende Quelle aus. Die Bakterien kommen jedoch auch bei Rindern, Schweinen, Haustieren und Wildvögeln vor. Menschen können sich zudem über verunreinigtes Wasser, nicht pasteurisierte Milch oder direkten Tierkontakt infizieren.

Die Resistenzentwicklung erschwert die Behandlung bestimmter Infektionen. Eine 2023 veröffentlichte Schweizer Studie dokumentierte bei Campylobacter-Isolaten aus menschlichen Erkrankungen über einen Untersuchungszeitraum von 18 Jahren zunehmende Resistenzen gegen Chinolone und Tetracyclin. Bei schweren Krankheitsverläufen können solche Resistenzen die Behandlungsmöglichkeiten einschränken. Die meisten Campylobacter-Infektionen heilen allerdings ohne Antibiotikatherapie aus.

Welche Schutzmassnahmen bereits bestehen

Die Bekämpfung beginnt in den Geflügelbeständen. Hygienevorgaben sollen die Verbreitung der Bakterien begrenzen. Beim Schlachten geht es darum, möglichst wenig Keime auf die Fleischoberfläche zu übertragen.

Für grössere Geflügelschlachtbetriebe gilt ein Prozesshygienekriterium. Es dient dazu, die Wirksamkeit der betrieblichen Hygienemassnahmen anhand regelmässiger Untersuchungen zu beurteilen. Im Jahr 2025 überschritten 167 von 906 untersuchten Poulet-Schlachtkörperproben den Wert von 1000 koloniebildenden Einheiten pro Gramm. Das entspricht 18,4 Prozent. Ob ein Betrieb die Vorgaben erfüllt, wird anhand des vorgeschriebenen Probenplans beurteilt.

Daneben informieren die Behörden mit der Kampagne Sichergeniessen.ch über den sicheren Umgang mit Lebensmitteln. Rohes Geflügel sollte von verzehrfertigen Speisen getrennt und vollständig erhitzt werden. Hände, Geräte und Arbeitsflächen müssen nach dem Kontakt mit rohem Fleisch gründlich gereinigt werden.

Warum Geflügelleber tiefgefroren werden muss

Für Geflügelleber gilt in der Schweiz eine besondere Vorschrift. Nach Artikel 33 der Hygieneverordnung darf Leber aus nachweislich Campylobacter-freien Herden gekühlt an Konsumentinnen und Konsumenten abgegeben werden. Andere Geflügelleber darf nur tiefgefroren abgegeben werden. Für gewöhnliches Pouletfleisch besteht keine vergleichbare allgemeine Tiefkühlpflicht.

Tiefgefrieren verringert nach Angaben des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen die Zahl der Campylobacter-Keime, beseitigt sie jedoch nicht vollständig. Tiefgefrorenes Pouletfleisch muss deshalb ebenso ausreichend erhitzt werden wie gekühltes.

Bereits eine Risikoanalyse des Bundes aus dem Jahr 2012 behandelte das Einfrieren von Geflügelfleisch als mögliche Massnahme gegen Campylobacter. Die neuere Schweizer Handelsstudie liefert zusätzliche Befunde über Unterschiede bei den Nachweisraten. Sie belegt für sich allein allerdings nicht, wie viele menschliche Erkrankungen durch eine allgemeine Tiefkühlpflicht verhindert werden könnten.

Warum die bestehende Tiefkühlvorschrift auf Geflügelleber beschränkt ist und welche Auswirkungen eine Ausdehnung auf gewöhnliches Pouletfleisch hätte, lässt sich anhand der untersuchten Quellen nicht abschliessend beantworten. Dazu wären weitere Angaben über die tatsächliche Keimreduktion, den Einfluss auf Erkrankungen und die praktische Umsetzung nötig.

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