Ein Gang durch Migros oder Coop fühlt sich neuerdings fast wie ein Besuch im Fitness-Shop an. Quark, Toast, Pudding, Joghurt, überall prangt «High Protein» auf der Verpackung. Was früher vor allem Bodybuilder interessierte, ist längst im normalen Supermarkt angekommen. Doch brauchen wir all das zusätzliche Eiweiss wirklich, oder zahlen wir vor allem für ein Versprechen?
Warum plötzlich alles Protein enthält
Protein hat sein Fitnessstudio-Image abgelegt. High-Protein-Produkte stehen heute nicht mehr nur im Fachhandel, sondern füllen ganze Bereiche bei Migros, Coop, Aldi und Lidl. Das Sortiment reicht von Milchprodukten über Riegel und Drinks bis zu Brot und Toast.

Die Entwicklung ist nicht neu, hat sich in den vergangenen Jahren aber deutlich beschleunigt. Die Nachfrage nach proteinreichen Produkten steigt seit mehreren Jahren. Coop spricht bei High-Protein-Produkten von einem jährlichen Wachstum im zweistelligen Prozentbereich. Besonders gefragt sind sie laut Coop-Kundendaten bei 18- bis 29-Jährigen sowie bei Singles und Paaren ohne Kinder.
Gleichzeitig hat sich verändert, was beim Einkaufen als gesund wahrgenommen wird. Ähnlich wie beim Trend rund um Ballaststoffe verbreiten sich Ernährungsthemen heute schnell über soziale Medien und den Alltag. Lange dominierten Produkte, die mit weniger Fett, weniger Zucker oder weniger Kalorien warben. Heute stehen Fitness, Leistungsfähigkeit und ein aktiver Lebensstil stärker im Vordergrund. Migros hat ihre frühere Light-Linie Léger entsprechend deutlich reduziert.
Protein passt hervorragend in dieses Bild. Ein grosser Schriftzug auf der Verpackung vermittelt auf den ersten Blick einen gesundheitlichen Mehrwert. Für Hersteller ist das attraktiv. Ein Marketingexperte weist darauf hin, dass Unternehmen ausloten, welchen Aufpreis Konsumentinnen und Konsumenten für Produkte akzeptieren, die als gesund wahrgenommen werden.
Wie viel Eiweiss der Körper wirklich braucht
Proteine sind lebensnotwendige Makronährstoffe und gehören zu einer gesunden Ernährung. Darüber besteht unter Fachleuten kein Zweifel. Sie müssen deshalb aber nicht zwingend aus Lebensmitteln stammen, die mit «High Protein» beworben werden.
Eine ausgewogene Ernährung nach der Schweizer Lebensmittelpyramide liefert Protein aus ganz unterschiedlichen Quellen. Dazu gehören Milchprodukte, Fleisch, Fisch und Eier ebenso wie Tofu, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Getreide.
Für die meisten Menschen lässt sich der Proteinbedarf damit problemlos über normale Lebensmittel decken. Eine Expertin geht noch einen Schritt weiter: Bei ausgewogener Ernährung liege die tatsächliche Zufuhr streng genommen bereits über den Empfehlungen, auch ganz ohne spezielle Protein-Produkte. Selbst Migros hält fest, dass sich der Bedarf für die meisten Menschen mit einer ausgewogenen Ernährung abdecken lässt.
Der Aufdruck «High Protein» sagt deshalb zunächst etwas über den Proteingehalt eines Lebensmittels aus. Ob jemand dieses zusätzliche Protein überhaupt benötigt, ist eine andere Frage.
Was die High-Protein-Produkte wirklich bringen
Bei einem Pudding, Joghurt oder Drink mit grossem Protein-Schriftzug entsteht schnell der Eindruck, man habe automatisch die ernährungsphysiologisch bessere Variante gewählt. So einfach ist es nicht.

Eine Schweizer Ernährungsberaterin beurteilt den Mehrwert vieler dieser Produkte als gering. Ein Grund dafür ist die Verarbeitung. Für einige zusätzliche Gramm Eiweiss können je nach Produkt weitere Zutaten, Zusatzstoffe oder Zucker hinzukommen. Wer wissen möchte, was tatsächlich im Becher oder in der Packung steckt, kommt deshalb um einen Blick auf die Zutaten und Nährwerte nicht herum.
Hinzu kommt ein kurioser Effekt des Booms: Manche Lebensmittel waren schon immer proteinreich. Wird diese Eigenschaft nun prominent auf der Verpackung beworben, wirkt ein vertrautes Lebensmittel plötzlich wie ein speziell entwickeltes Fitnessprodukt.
Das bedeutet nicht, dass jedes High-Protein-Produkt schlecht wäre. Der Schriftzug allein macht ein Lebensmittel aber auch nicht automatisch zu einer besseren Wahl. Der ernährungsphysiologische Mehrwert muss im einzelnen Produkt tatsächlich vorhanden sein.
Der Preis-Aufschlag im Vergleich
Besonders deutlich wird der Unterschied beim Preis. Normaler Magerquark ist bereits von Natur aus eine Proteinquelle. Bei Migros kostet ein 500-Gramm-Becher 1.25 Franken. Die High-Protein-Variante kostet mit 2.95 Franken mehr als das Doppelte, obwohl sie nur wenig mehr Eiweiss liefert.

Ähnlich sieht es bei Getränken aus. Ein Erdbeer-Milchdrink von Emmi kostet in der Protein-Variante 2.90 Franken und damit deutlich mehr als die herkömmliche Version.
Wer Lebensmittel hauptsächlich wegen ihres Proteingehalts auswählt, kann deshalb auch bei gewöhnlichen Produkten fündig werden. Magerquark ist dafür ein naheliegendes Beispiel.
Für wen sich zusätzliches Protein lohnt
Ganz überflüssig sind Produkte mit zusätzlichem Protein nicht. Es gibt Lebenssituationen, in denen ein erhöhter Bedarf oder die praktische Verfügbarkeit einer zusätzlichen Proteinquelle eine Rolle spielen kann.

Dazu gehören sehr sportlich aktive Menschen. Auch Vegetarierinnen und Vegetarier sowie Veganerinnen und Veganer können stärker darauf achten, ihren Bedarf mit geeigneten Proteinquellen zu decken. Eine weitere Gruppe sind ältere Menschen. Im Alter steigt der Proteinbedarf, während gleichzeitig der Appetit nachlassen kann.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass diese Gruppen zu speziell beworbenen Produkten greifen müssen. Eine Expertin rät selbst Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern eher zu proteinreichen normalen Mahlzeiten. Als geeignete Lebensmittel nennt sie unter anderem Fisch, mageres Fleisch, Magerquark, Hülsenfrüchte und Tofu.
Protein lässt sich damit aus sehr unterschiedlichen Lebensmitteln beziehen. Welche Quellen passen, hängt auch von der persönlichen Ernährungsweise ab.
Wann zu viel Protein zum Problem wird
Der Protein-Hype vermittelt gelegentlich den Eindruck, mehr sei grundsätzlich besser. Ernährungsphysiologisch lässt sich das so nicht sagen.
Eine ernährungspsychologische Beraterin empfiehlt, proteinreiche Lebensmittel über verschiedene Mahlzeiten des Tages zu verteilen, statt grosse Mengen auf einmal zu konsumieren. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass eine sehr hohe Zufuhr von tierischem Protein die Nieren belasten kann. Daraus lässt sich jedoch kein pauschales Urteil über proteinreiche Lebensmittel ableiten.
Auch die starke Konzentration auf einen einzelnen Nährstoff kann problematisch werden. Essen besteht nicht nur aus Protein. Eine ausgewogene Ernährung umfasst unterschiedliche Lebensmittel und Nährstoffe, statt einen davon zum alleinigen Massstab für die Auswahl zu machen.
Der High-Protein-Trend hat damit durchaus eine positive Seite: Er hat einem lebenswichtigen Nährstoff viel Aufmerksamkeit verschafft. Beim Einkauf lohnt es sich trotzdem, neben dem grossen Schriftzug auf der Vorderseite auch auf das Lebensmittel selbst, seine Zusammensetzung und den Preis zu schauen.



