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Jedes dritte Kind zeigt hohe Stresswerte: Sechs Atemübungen für mehr Ruhe im Alltag

Marco Baumann
von
Marco Baumann
07.09.2026
Kind nimmt sich einen ruhigen Moment und konzentriert sich auf die eigene Atmung
Ein Kind steht mit geschlossenen Augen und ausgestreckten Armen in einem hellen Raum. Das Bild begleitet einen Artikel über Atemübungen für Kinder und den Umgang mit Stress im Alltag.
Darum gehts ∧
  • Rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen zeigte in einer Schweizer Studie hohe Stresssymptome.
  • Auch die Pro-Juventute-Jugendstudie 2026 zeigt Stress durch Schule und Ausbildung.
  • Einfache Atemübungen lassen sich ohne Vorkenntnisse in den Familienalltag integrieren.

Rund ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in der Schweiz weist hohe Stresssymptome auf. Zu diesem Ergebnis kam eine schweizweite Erhebung von Pro Juventute mit 1056 Kindern und Jugendlichen im Alter von 9 bis 15 Jahren. Die Belastung nahm mit steigendem Alter zu. Aktuelle Daten zeigen, dass Stress auch 2026 ein wichtiges Thema bleibt: In der neuen Jugendstudie von Pro Juventute geben 41 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, sich durch Prüfungen in Schule oder Ausbildung gestresst zu fühlen. Die beiden Zahlen stammen aus unterschiedlichen Erhebungen und Altersgruppen.

Für Eltern stellt sich damit eine praktische Frage: Was kann ein Kind in einem angespannten Moment selbst tun? Bewusstes Atmen bietet eine einfache Möglichkeit für eine kurze Pause. Es braucht dafür weder eine App noch besondere Ausrüstung. Einige Übungen funktionieren am Schreibtisch, andere vor dem Einschlafen oder dann, wenn Wut und Anspannung gerade gross sind.

Stress beginnt nicht erst im Erwachsenenalter

Die Stress-Studie von Pro Juventute zeigt, dass hohe Stresswerte bereits bei Kindern vorkommen. Insgesamt nahmen 1056 Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 15 Jahren teil. Rund ein Drittel wies hohe Stresswerte auf. Bei den unter 11-Jährigen war es rund ein Viertel, bei den 14-Jährigen und Älteren waren es 45 Prozent.

Kinder und Jugendliche mit hohem Stressniveau waren im Vergleich mit den anderen Befragten stärker von Ängstlichkeit und Unsicherheit betroffen. Sie berichteten zudem über ein geringeres subjektives Wohlbefinden.

Dass Belastungen bei jungen Menschen weiterhin aktuell sind, zeigt die Pro-Juventute-Jugendstudie 2026. Dafür wurden 960 in der Schweiz lebende Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 25 Jahren befragt. 41 Prozent gaben an, sich durch Prüfungen in Schule oder Ausbildung gestresst zu fühlen. Gleichzeitig berichteten 88 Prozent, sich grundsätzlich psychisch wohlzufühlen. Die Zahlen zeigen deshalb nicht, dass 41 Prozent der Schweizer Kinder generell unter hohem Stress stehen. Sie beziehen sich auf einen konkreten Stressfaktor und eine andere Altersgruppe.

Auch die Pädagogische Hochschule Zürich greift Stress im Schulalltag auf. In ihren Materialien zur Gesundheitsförderung hält sie fest, dass Entspannungsübungen und Bewegungspausen dazu beitragen können, dass Schülerinnen und Schüler sich erholen und sich anschliessend wieder einfacher auf den Lernstoff einlassen und konzentrieren können.

Kind erledigt Hausaufgaben gemeinsam mit einer erwachsenen Bezugsperson
Ein Kind arbeitet an Schulaufgaben, während eine erwachsene Bezugsperson daneben sitzt. Schule und Prüfungen gehören zu den im Artikel thematisierten Stressfaktoren bei jungen Menschen.

Bewusstes Atmen kann Teil einer solchen kurzen Unterbrechung sein. Für Kinder eignen sich Übungen, bei denen sie den Atem spüren, hören oder durch eine Bewegung sichtbar machen können. Es geht nicht darum, eine bestimmte Leistung zu erreichen. Das Kind beobachtet vielmehr, was beim Einatmen und Ausatmen passiert.

Bauchatmung: den eigenen Atem spüren

Für die Bauchatmung setzt oder legt sich das Kind bequem hin. Es legt eine Hand locker auf den Bauch. Nun atmet es ruhig ein und beobachtet, wie sich die Bauchdecke unter der Hand hebt. Beim Ausatmen spürt es, wie sie sich wieder senkt.

Eltern können die Übung mit einem einfachen Satz begleiten: «Spür einmal, wie deine Hand nach oben und wieder nach unten fährt.» Das Kind muss weder besonders tief noch nach einem vorgegebenen Rhythmus atmen.

Die Bauchatmung eignet sich für ruhige Momente, etwa vor dem Einschlafen, vor den Hausaufgaben oder vor einer Prüfung. Sie kann auch genutzt werden, wenn das Kind eine kurze Pause braucht und seine Aufmerksamkeit auf den eigenen Körper richten möchte.

Löwenatmung: wenn es etwas lauter sein darf

Bei der Löwenatmung atmet das Kind tief ein. Beim Ausatmen öffnet es den Mund, streckt die Zunge heraus und lässt die Luft mit einem kräftigen Laut entweichen.

Eltern können daraus ein Spiel machen: «Wie klingt dein Löwe heute?» Zwei oder drei Wiederholungen reichen für den Anfang. Es geht weder darum, besonders laut zu sein noch möglichst lange auszuatmen.

Die Übung passt zu Momenten, in denen Wut, Frust oder starke Anspannung im Raum stehen. Das Kind verbindet den Atem dabei mit einem spielerischen Ausdruck. Für jüngere Kinder kann das zugänglicher sein als die Aufforderung, sich einfach zu beruhigen.

Bienenatmung: das Ausatmen hören und spüren

Für die Bienenatmung atmet das Kind ruhig durch die Nase ein. Beim Ausatmen summt es mit geschlossenem Mund wie eine Biene: «Mmmmm». Dabei kann es beobachten, wo es die Vibration wahrnimmt, beispielsweise an den Lippen oder im Gesicht.

Eltern können mitsummen. So wird aus der Übung kein Auftrag, den das Kind erfüllen muss, sondern ein gemeinsamer kurzer Moment.

Das Summen eignet sich vor dem Schlafengehen, nach einem hektischen Tag oder vor einer Aufgabe, die Konzentration verlangt. Neben dem Atem steht dabei die Körperwahrnehmung im Vordergrund.

Federatmung: den Atem sichtbar machen

Mit einer leichten Feder können Kinder beobachten, wie sich ihr Ausatmen auswirkt. Das Kind pustet sie nach oben und versucht, sie möglichst lange in der Luft zu halten. Dabei kann es ausprobieren, was bei einem kurzen kräftigen Luftstoss und was bei einem längeren, dosierten Ausatmen passiert.

Bei mehreren Kindern kann daraus ein gemeinsames Spiel entstehen. Wichtig ist, keinen Wettbewerb daraus zu machen, wer am längsten oder kräftigsten pusten kann.

Die Federatmung eignet sich für eine kurze Pause beim Lernen oder wenn ein Kind unruhig ist und eine spielerische Unterbrechung braucht. Für jüngere Kinder ist sie unkompliziert, weil keine längere Erklärung notwendig ist.

Windrad und Seifenblasen: ausprobieren statt erklären

Kinder pusten Seifenblasen und beobachten dabei ihr Ausatmen
Zwei Kinder spielen draussen mit Seifenblasen. Beim Pusten können Kinder unmittelbar beobachten, wie sich ihr Ausatmen auf die Seifenblasen auswirkt.

Auch ein Windrad reagiert unmittelbar auf den Atem. Das Kind kann ausprobieren, was passiert, wenn es kurz und kräftig oder langsam und gleichmässig pustet.

Ähnlich funktionieren Seifenblasen. Das Kind sieht unmittelbar, wie sich unterschiedliches Pusten auswirkt. Eltern müssen daraus keine Lektion über Atemtechnik machen. Beobachten und Ausprobieren reichen.

Windrad und Seifenblasen eignen sich besonders für jüngere Kinder, für kleine Pausen oder als spielerischer Übergang zwischen zwei Aktivitäten. Viele Kinder kennen die Gegenstände bereits. Dadurch lässt sich die bewusste Wahrnehmung des Atems unkompliziert in ein vertrautes Spiel einbauen.

Kuscheltier-Atmung: eine ruhige Übung fürs Bett

Für diese Variante legt sich das Kind auf den Rücken und platziert ein leichtes Kuscheltier auf seinem Bauch. Nun beobachtet es, wie sich das Tier beim Einatmen hebt und beim Ausatmen wieder senkt.

Eltern können daraus eine kleine Geschichte machen: Das Kuscheltier fährt auf dem Bauch langsam auf und ab. Das Kind muss dabei weder zählen noch einen bestimmten Rhythmus einhalten.

Diese Übung eignet sich besonders als ruhiges Ritual vor dem Einschlafen. Sie kann auch tagsüber eingesetzt werden, wenn das Kind sich hinlegen und seine Aufmerksamkeit für einen Moment auf den eigenen Körper richten möchte.

So werden die Übungen Teil des Alltags

Eltern müssen aus den Übungen kein zusätzliches Programm machen. Oft reichen wenige Minuten. Eine Feder kann am Schreibtisch liegen, das Windrad im Kinderzimmer stehen und die Kuscheltier-Atmung Teil des gewohnten Abendrituals werden.

Hilfreich ist, eine Übung nicht erst in einem besonders angespannten Moment zum ersten Mal auszuprobieren. Kennt ein Kind die Bauchatmung bereits aus einer ruhigen Situation, ist sie ihm auch vor einer Prüfung vertraut. Nach einem Streit kann vielleicht die Löwenatmung besser passen. Vor dem Einschlafen können Summen oder das Kuscheltier einen ruhigen Übergang schaffen.

Eltern können verschiedene Varianten gemeinsam mit dem Kind ausprobieren und beobachten, was ihm liegt. Manche Kinder mögen ruhige Übungen, andere finden über Geräusche oder Gegenstände leichter einen Zugang. Zwang ist dabei kontraproduktiv. Die Übung soll eine freiwillige Möglichkeit für eine kurze Unterbrechung sein und keine weitere Aufgabe, die richtig erledigt werden muss.

Wenn ein Kind über längere Zeit stark gestresst ist, anhaltende Beschwerden zeigt oder Eltern sich Sorgen um sein Wohlbefinden machen, sollte ärztliche oder psychologische Unterstützung beigezogen werden.

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