Auf dem Handy stapeln sich die Dating-Apps, theoretisch ist ein Kennenlernen nur einen Wisch entfernt, und trotzdem bleibt der Abend allein auf dem Sofa. So geht es heute mehr jungen Menschen, als man denken würde. Während ihre Eltern in liberaleren Zeiten aufzuwachsen glaubten, hat ausgerechnet die freieste Generation aller Zeiten weniger Sex. Die Zahlen sind eindeutig, die Gründe weniger. Und sie erzählen weniger über Lust als über Druck.
Allein auf dem Sofa, trotz voller Dating-App
Der Widerspruch fällt sofort auf. Noch nie war es so einfach, mit wenigen Klicks neue Menschen kennenzulernen. Dating-Apps versprechen Begegnungen in Echtzeit, soziale Netzwerke machen Kontakte rund um die Uhr möglich. Und trotzdem verbringen viele junge Erwachsene ihre Abende nicht bei einem Date, sondern allein auf dem Sofa. Wer die Entwicklung rund um das Thema weniger Sex bei der jungen Generation betrachtet, stösst auf einen überraschenden Befund: Die Generation mit den meisten technischen Möglichkeiten scheint beim Thema Intimität zurückhaltender zu sein als jene vor ihr.

Genau dieser Kontrast beschäftigt Forschende seit einigen Jahren. Denn die Vorstellung, dass mehr Freiheit automatisch zu mehr sexuellen Erfahrungen führt, wird von den Zahlen nicht bestätigt.
Was die Zahlen wirklich zeigen
In der Schweiz ist der Trend messbar. Laut den WHO-Erhebungen zum Gesundheitsverhalten von Schulkindern sank der Anteil der 15-Jährigen, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hatten, von rund 23 Prozent in den Jahren 2000/2001 auf etwa 15 Prozent in den Jahren 2017/2018.
Joan-Carles Suris von der Universität Lausanne, der das Sexualverhalten Schweizer Jugendlicher untersucht hat, sagt, es sei klar, dass sich etwas verändere. Gleichzeitig mahnt er zur Vorsicht bei einfachen Erklärungen. Möglich sei auch, dass junge Menschen heute anders definieren, was sie unter Sex verstehen. Manche denken dabei ausschliesslich an vaginalen Geschlechtsverkehr, andere beziehen weitere Formen von Sexualität mit ein. Der Rückgang gilt als real, die genaue Erklärung bleibt jedoch offen.
Die freieste Generation, und trotzdem weniger Sex
Wer auf die vergangenen Jahrzehnte blickt, könnte eigentlich das Gegenteil erwarten. Gesellschaftliche Normen sind liberaler geworden, Informationen über Sexualität sind jederzeit verfügbar, und sexuelle Vielfalt wird offener diskutiert als früher.
Gerade deshalb wirkt die Entwicklung überraschend. Während ältere Generationen häufig gegen gesellschaftliche Grenzen ankämpften, wachsen junge Menschen heute mit deutlich mehr Freiheiten auf. Trotzdem verschiebt sich der Zeitpunkt sexueller Erfahrungen nach hinten.
Auch international zeigt sich ein ähnliches Bild. In den USA, wo das Thema intensiver erforscht wird, stieg der Anteil sexuell inaktiver 18- bis 29-Jähriger zeitweise deutlich an. Gleichzeitig nahm die Häufigkeit sexueller Kontakte ab. Die amerikanischen Daten erklären die Schweiz nicht, sie zeigen aber, dass die Entwicklung kein rein schweizerisches Phänomen ist.
Warum Stress die Lust bremst
Eine der plausibelsten Erklärungen kommt aus der Psychologie. Michèle Borgmann von der Universität Bern, Mitautorin einer Studie zur Sexualität in der Schweiz, verweist auf einen Zusammenhang, der in verschiedenen Untersuchungen immer wieder auftaucht: Stress kann die sexuelle Aktivität negativ beeinflussen.

Der Gedanke klingt zunächst unspektakulär, erklärt aber vieles. Wer ständig unter Leistungsdruck steht, wer sich Sorgen um Ausbildung, Arbeit oder Zukunft macht, kommt oft schwer zur Ruhe. Genau diese Ruhe ist jedoch eine Voraussetzung für Nähe, Intimität und sexuelle Lust.
Die Diskussion dreht sich deshalb weniger um fehlendes Interesse an Sexualität als um die Frage, wie erschöpft eine Generation ist. Vielleicht erzählt die sinkende sexuelle Aktivität weniger über die Lust der jungen Menschen als über die Belastungen, unter denen sie leben.
Was Bildschirme damit zu tun haben könnten
Ein Blick auf den Alltag macht deutlich, warum Forschende immer wieder auf digitale Medien zu sprechen kommen. Wer abends mehrere Stunden am Bildschirm verbringt, verbringt diese Zeit nicht gleichzeitig mit echten Begegnungen.

Ob Social Media, Streamingdienste oder Online-Gaming tatsächlich direkt für weniger Sexualität verantwortlich sind, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Sie gehören jedoch zu den Faktoren, die in der Diskussion regelmässig genannt werden.
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Der ständige Vergleich mit anderen. Auf sozialen Plattformen erscheinen Beziehungen, Körper und Lebensentwürfe oft perfekt. Das kann Druck erzeugen und Unsicherheiten verstärken. Auch das könnte indirekt beeinflussen, wie leicht Menschen aufeinander zugehen.
Vorsicht mit schnellen Erklärungen
So verlockend einfache Antworten wären, die Daten geben sie derzeit nicht her. Nicht jede junge Person lebt gestresster als früher, nicht jede nutzt Dating-Apps, und nicht jede spätere sexuelle Erfahrung ist ein Problem.
Im Gegenteil. Fachleute weisen darauf hin, dass weniger Sex nicht automatisch etwas Negatives bedeutet. Eine grosse Schweizer Studie des Universitätsspitals Lausanne und des Universitätsspitals Zürich mit mehr als 7000 jungen Erwachsenen kommt zum Schluss, dass die Sexualität junger Menschen in der Schweiz insgesamt gesund ist.
Mehr dazu zeigt die Studie zur Sexualität junger Erwachsener in der Schweiz.
Einige Fachpersonen sehen die Entwicklung sogar teilweise positiv. Wenn junge Menschen heute bewusster entscheiden, wann und mit wem sie intim werden möchten, könnte das auch ein Zeichen grösserer Selbstbestimmung sein. Die Entwicklung muss deshalb nicht als Defizit verstanden werden. Sie zeigt vor allem, dass sich gesellschaftliche Gewohnheiten verändern.
Die spannendere Frage ist vielleicht nicht, warum junge Menschen weniger Sex haben. Spannender ist, was es über eine Gesellschaft aussagt, wenn ausgerechnet jene Generation, die mit den grössten Freiheiten aufwächst, gleichzeitig unter so viel Druck steht. Vielleicht ist weniger Sex kein Zeichen von weniger Lust, sondern von einem Alltag, der immer weniger Raum für Nähe, Ruhe und echte Begegnungen lässt. Und wenn das stimmt, dann geht es am Ende nicht um Sexualität allein, sondern um die Frage, wie wir heute überhaupt leben.



