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Wenn der Arzt bereit ist, aber der Kopf noch auf der Bremse steht

Peter Kehrli
von
Peter Kehrli
28.09.2026
Behandlungsraum für Hypnose mit Sessel und Stuhl
Praxisraum von Peter Kehrli.

Bezahlte Kolumne

«Jetzt kann ich sowieso nichts mehr machen. Alles ist bereit, und der Arzt muss jetzt halt schauen, dass alles gut kommt.»

Dieser Satz fiel zwei Tage vor einer geplanten Folgeoperation. Vor mir sass ein Sportler, dessen Karriere durch eine schwere Bein- und Knieverletzung abrupt ausgebremst worden war. Medizinisch war die Situation klar. Die Grenzen waren definiert, der Spezialist genoss sein volles Vertrauen, und die erneute Operation sollte Beweglichkeit und Stabilität weiter verbessern.

Eigentlich beste Voraussetzungen.

Nur: Sein Kopf machte nicht mit.

Seit dem ursprünglichen Unfall hatte er das Vertrauen in sein Bein verloren. Obwohl medizinisch längst klar war, was möglich und erlaubt war, kam er innerlich nie mehr an diese Grenzen heran. Sein Verstand wusste: «Ich darf.» Sein Körper reagierte: «Auf keinen Fall.»

Genau dieser Unterschied fasziniert mich bis heute.

Wir glauben gerne, dass etwas automatisch funktioniert, sobald wir es verstanden haben. Der Arzt erklärt, dass Belastung wieder möglich ist. Die Physiotherapeutin zeigt, was das Bein leisten darf. Also müsste man doch einfach loslegen können.

Nur arbeitet unser Organismus nicht ausschliesslich nach Logik.

Automatische Schutzreaktionen sind schneller als unser bewusster Verstand. Hat unser System Schmerz, Schock oder Kontrollverlust mit einer Situation verknüpft, kann es reagieren, bevor wir überhaupt einen vernünftigen Gedanken formuliert haben: Anspannung. Rückzug. Kampf, Flucht oder Erstarrung.

Genau das erlebte dieser Sportler.

Er vertraute seinem Arzt vollständig, aber seinem eigenen Körper kaum noch.

In unserer Arbeit mit Zellhypnose beschäftigten wir uns deshalb nicht damit, die medizinische Realität umzudeuten. Die Operation blieb notwendig. Die Vorgaben des Arztes blieben bestehen. Wir arbeiteten an etwas anderem: an den alten Schockmustern des Unfalls, an der Erinnerung an die massiven Schmerzen und an der tief verankerten Erwartung, dass dieses Bein vor allem eines bedeute: Gefahr.

Schon vor der Operation beschrieb er eine Veränderung, die ihn selbst überraschte. Das Bein fühlte sich für ihn plötzlich weicher und beweglicher an. Die permanente Anspannung war deutlich geringer. Und erstmals tauchte neben der Angst etwas anderes auf: vorsichtige Vorfreude auf das, was nach dem Eingriff vielleicht wieder möglich sein könnte.

Sein Vertrauen war noch nicht gross.

Aber es war wieder da.

In der Nacht vor der Operation schlief er nach eigener Aussage zum ersten Mal vor einem solchen Eingriff vollständig durch. Unmittelbar vor der Narkose nutzte er die erlernte Selbsthypnose, um sich selbst und sein Bein mental auf den Eingriff vorzubereiten.

Und danach?

Auch da blieb er nicht einfach passiver Empfänger.

Er setzte die Selbsthypnose weiter ein und verband sie mit der medizinisch geführten Rehabilitation und Physiotherapie. Einige Tage später begann das leichte, freigegebene Training. Zwei Wochen danach sagte er zu mir einen Satz, den ich nicht vergessen habe:

«Endlich kann ich Hand in Hand mit meiner Physiotherapeutin arbeiten. Wir kennen die Grenzen, und ich kann sie jetzt auch wieder angehen. Mein Bein fühlt sich wieder wie ein Teil von mir an und nicht nur wie Schmerz.»

So sehr mich dieser Verlauf freut: Er bleibt der Weg dieses einen Menschen. Jeder bringt andere Voraussetzungen, Erfahrungen und Reaktionen mit, deshalb kann und will ich aus einem solchen Erlebnis kein Versprechen für andere ableiten.

Für mich liegt der eigentliche Wert dieser Arbeit darin.

Nicht darin, medizinische Behandlungen zu ersetzen. Auch nicht darin, jemandem einen bestimmten Verlauf zu versprechen. Und schon gar nicht, ärztliche Grenzen zu ignorieren.

Der Mehrwert liegt darin, die eigenen Ressourcen nicht ungenutzt zu lassen.

Gerade weil eine solche Begleitung in der Regel selbst bezahlt wird und Beiträge aus Zusatzversicherungen nicht verlässlich vorausgesetzt werden können, muss die Frage erlaubt sein: Wofür investiere ich eigentlich?

Meine Antwort lautet: Du investierst nicht darin, dass jemand anderes Dich «repariert».

Du investierst darin, Deinen eigenen Anteil am Prozess bewusst zu stärken.

In Vertrauen. In innere Ruhe. In einen besseren Zugang zum eigenen Körper. In die Fähigkeit, automatische Schutzreaktionen nicht einfach als unveränderliche Realität hinzunehmen. Und in die bewusste Unterstützung Deiner natürlichen Selbstheilungskräfte.

Dieser Sportler sagte später, er habe die Begleitung anfangs vor allem mir zuliebe ausprobiert. Die Vorstellung, selbst Einfluss auf seinen Körper und seine Genesung nehmen zu können, sei ihm eher wie «Spinnerei» vorgekommen.

Heute gehört Selbsthypnose zu seinem Alltag.

Was ich aus diesem Fall erneut mitgenommen habe?

Die moderne Medizin kann Unglaubliches leisten. Was nach schweren Verletzungen operativ und therapeutisch wieder möglich gemacht wird, beeindruckt mich immer wieder.

Aber vielleicht verschenken wir etwas, wenn wir daraus den Schluss ziehen: «Jetzt müssen die anderen machen.»

Wenn ich vor einer Operation, nach einem Unfall oder mitten in einer Rehabilitation etwas empfehlen dürfte, dann dies:

Nutze die Medizin mit voller Überzeugung. Aber gib ihr einen aktiven Partner: Dich selbst.

Denn Dein Arzt kann operieren. Deine Physiotherapeutin kann Dich führen. Medikamente können medizinisch notwendig und wertvoll sein.

Aber niemand kann Deine inneren Ressourcen für Dich nutzen.

Genau dort beginnt Dein eigener Anteil.

Peter Kehrli, Hypnosetherapeut und mentaler Wegbegleiter

Über den Autor

Peter Kehrli ist Hypnosetherapeut, mentaler Wegbegleiter und Sporthypnose-Spezialist. Er begleitet Menschen vor und nach medizinischen Eingriffen sowie nach Unfällen und Diagnosen. Mehr über sein Angebot: hypnose.kehrli.net

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