Stellen wir uns eine typische Situation vor: Eine 45-jährige Teamleiterin sitzt wenige Tage vor einer unerwarteten Rückenoperation bei mir. Beruflich ist sie gewohnt, Verantwortung zu tragen und Dinge sauber zu organisieren. Kliniktermin bestätigt, Narkosegespräch erledigt, Medikamente geklärt, Stellvertretung im Team organisiert. Alles ist vorbereitet. Und trotzdem sagt sie: «Ich vertraue den Ärzten vollkommen. Aber nachts liege ich wach und frage mich, was ich selbst tun kann, damit ich gut durch diese Zeit komme und mein Team nicht ewig im Stich lasse.»
Dieser Satz trifft einen Punkt, über den wir selten sprechen. Wir planen medizinische Eingriffe präzise. Kliniken arbeiten mit klaren Abläufen, Fachpersonen bereiten jeden Schritt vor. Das ist richtig und wichtig. Nur fehlt auf vielen Checklisten ein Punkt: Wie bereite ich mich selbst auf das vor, was mit mir geschieht?
Denn in den Operationssaal geht nicht nur ein Rücken, ein Knie oder ein Organ. Es geht ein ganzer Mensch hinein, mit Erfahrungen, Ängsten und einem Nervensystem, das nicht automatisch ruhig wird, nur weil medizinisch alles bestens organisiert ist.
Unsere Teamleiterin zweifelt nicht an ihrem Chirurgen. Ihr Verstand sagt: «Das ist der richtige Weg.» Und trotzdem liegt sie nachts wach. Sie denkt an die Narkose, an die Schmerzen, an die Zeit danach und daran, wie lange sie ausfallen wird. Dazu kommt das ungewohnte Gefühl, plötzlich nicht mehr diejenige zu sein, die alles steuert.
Genau darin liegt etwas sehr Menschliches: Unser bewusster Verstand kann eine Situation logisch einordnen, während automatische Schutzreaktionen trotzdem auf Alarm bleiben. Ein ehrliches «Ich weiss doch, dass ich in guten Händen bin» kann stimmen, und trotzdem nicht genügen, um innerlich zur Ruhe zu kommen.
Genau hier beginnt für mich die mentale Vorbereitung auf eine Operation. Zu Beginn einer Sitzung klären wir, was die grösste innere Anspannung auslöst: Ist es die Narkose? Die Angst vor Schmerzen? Kontrollverlust? Ein früheres Spitalerlebnis? Oder der Gedanke, länger auszufallen? Danach arbeiten wir mit Hypnose gezielt an diesen inneren Bildern und Reaktionen. Der Mensch bleibt ansprechbar und beteiligt. Ich unterstütze ihn darin, belastende Vorstellungen neu einzuordnen, einen ruhigeren inneren Zustand aufzubauen und die bevorstehende Situation mental so vorzubereiten, dass nicht nur Angst und Abwehr den Ton angeben.
Wichtig ist mir auch, dass die Arbeit nicht an meiner Praxistür endet. Ich vermittle einfache Selbsthypnose-Techniken, die vor dem Eingriff selbstständig eingesetzt werden können, etwa am Abend davor, am Morgen der Operation oder während der Wartezeit. Es geht nicht darum, Angst auf Knopfdruck verschwinden zu lassen. Es geht darum, ein Werkzeug zu haben, mit dem man den eigenen Zustand bewusster mitgestalten kann.
Die Operation bleibt Aufgabe der Medizin, die Narkose Aufgabe der Anästhesie. Aber die Frage, wie ich innerlich in diesen Eingriff gehe, gehört auch mir.
Und genau darin liegt für mich der Mehrwert dieser Begleitung. Für unsere Teamleiterin bedeutet das nicht: «Ich muss möglichst schnell wieder funktionieren.» Gerade verantwortungsbewusste Menschen machen sich damit oft zusätzlichen Druck. Die wichtigere Frage lautet: Wie kann ich meine eigenen Ressourcen so nutzen, dass ich mich nicht nur ausgeliefert fühle, sondern aktiv beteiligt?
Meine Arbeit wird in der Regel nicht von der Versicherung übernommen. Wer dafür selbst investiert, kauft sich kein garantiert besseres Operationsergebnis und keine garantierte kürzere Ausfallzeit. Er investiert in seine Vorbereitung: in einen bewussteren Umgang mit Angst, in Ruhe, Vertrauen, Körperwahrnehmung und Werkzeuge, die später selbstständig genutzt werden können.
Vielleicht liegt genau hier ein blinder Fleck unserer modernen Medizin. Wir sind es gewohnt, vieles abzugeben: die Diagnose an die Medizin, die Operation an den Chirurgen, die Rehabilitation an die Physiotherapie. Das ist richtig. Aber müssen wir deshalb auch unsere eigene Beteiligung abgeben?
Gerade diese Teamleiterin würde im Berufsleben vermutlich nie ein wichtiges Projekt starten, ohne alle relevanten Beteiligten einzubeziehen. Warum sollte das beim eigenen Körper anders sein? Natürlich ist der Körper kein Projektplan. Es geht nicht darum, etwas zu kontrollieren, das sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Es geht um Beteiligung, um den Wechsel von «Jetzt wird etwas mit mir gemacht» hin zu: «Ich lasse mich medizinisch behandeln, und ich bringe mich selbst bewusst mit ein.»
Wie jemand auf eine solche Begleitung reagiert, ist individuell. Die hier beschriebene Teamleiterin ist eine bewusst fiktive, aber realistische Figur. Aus mentaler Vorbereitung lässt sich kein bestimmter medizinischer Verlauf ableiten oder versprechen.
Wenn Du vor einem Eingriff stehst, dann plane das Spital, die Nachsorge und Deine medizinischen Fragen. Vertraue den Fachpersonen. Und dann setze noch einen Punkt auf Deine Checkliste: Dich selbst.
Denn vielleicht ist eine Operation erst dann wirklich vorbereitet, wenn nicht nur die Medizin weiss, was sie tun wird, sondern auch Du weisst, wie Du Dich selbst dabei unterstützen möchtest.
Über den Autor
Peter Kehrli ist Hypnosetherapeut, mentaler Wegbegleiter und Sporthypnose-Spezialist. Er begleitet Menschen vor und nach medizinischen Eingriffen sowie nach Unfällen und Diagnosen. Mehr über sein Angebot: hypnose.kehrli.net



