Sexuelle Lust, körperliche Erregung und ein Orgasmus sind unterschiedliche Vorgänge. Deshalb müssen sie sich während der Wechseljahre auch nicht auf dieselbe Weise verändern. Manche Frauen verspüren seltener sexuelles Verlangen, andere bemerken vor allem Trockenheit oder Schmerzen. Wieder andere erleben kaum Unterschiede. Entscheidend ist dabei auch, wie die Frauen selbst diese Veränderungen empfinden.
Weniger sexuelles Interesse ist für sich genommen keine Krankheit. Das Universitätsspital Zürich weist darauf hin, dass die Bandbreite normaler Sexualität gross ist und sexuelle Veränderungen nicht immer behandlungsbedürftig sind. Ob eine Frau unter ihrer Situation leidet, spielt bei der medizinischen Einordnung eine zentrale Rolle.
Lust, Erregung und Orgasmus unterscheiden
Sexuelles Verlangen beschreibt das Interesse an sexuellen Aktivitäten. Es kann spontan auftreten oder sich erst im Verlauf einer als angenehm empfundenen Annäherung entwickeln. Wie häufig jemand Lust verspürt, unterscheidet sich zwischen Menschen und kann sich im Laufe des Lebens verändern.
Die körperliche Erregung umfasst unter anderem eine verstärkte Durchblutung im Genitalbereich und die Befeuchtung der Scheide. Diese Reaktionen stimmen nicht immer mit dem subjektiven Empfinden überein. Eine Frau kann Interesse an Sexualität haben und gleichzeitig feststellen, dass ihr Körper langsamer oder schwächer reagiert.
Auch der Orgasmus ist ein eigener Bereich der sexuellen Funktion. Schwierigkeiten können etwa darin bestehen, dass er seltener erreicht wird, länger auf sich warten lässt oder anders erlebt wird. Daraus lässt sich weder auf fehlendes sexuelles Verlangen noch auf die Ursache der Veränderung schliessen.
Neben Lust, Erregung und Orgasmus untersuchen Fachpublikationen auch die sexuelle Zufriedenheit und Schmerzen. Diese Bereiche können sich gegenseitig beeinflussen.
Was sich körperlich verändern kann
Während der Wechseljahre schwankt zunächst die Hormonproduktion der Eierstöcke, später nimmt sie dauerhaft ab. Der sinkende Östrogenspiegel kann die Schleimhäute im Bereich von Scheide und Vulva beeinflussen. Das Gewebe kann trockener, empfindlicher und weniger elastisch werden.
Dadurch können Berührungen als unangenehm empfunden werden oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr auftreten. Auch Brennen und Beschwerden im Bereich der Harnwege gehören zum Spektrum möglicher Veränderungen. Fachleute fassen solche Erscheinungen unter dem Begriff genitourinäres Menopausensyndrom zusammen.
Trockenheit und Schmerzen können sich wiederum auf das sexuelle Interesse auswirken. Wer wiederholt unangenehme Erfahrungen macht, empfindet bestimmte sexuelle Aktivitäten unter Umständen als weniger anziehend.
Daneben können Schlafstörungen, Hitzewallungen, Erschöpfung und Veränderungen des allgemeinen Wohlbefindens den Alltag belasten. Sie können auch für die Sexualität bedeutsam sein. Die körperliche Umstellung findet schliesslich in einer Lebensphase statt, in der sich berufliche, familiäre und persönliche Lebensumstände verändern können.

Was die Studien tatsächlich zeigen
Eine im März 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte die sexuelle Funktion nach der Menopause. Das Forschungsteam um María Rodríguez-García wertete 23 internationale Studien mit insgesamt 11’892 Frauen aus. Im Mittelpunkt standen Zusammenhänge zwischen sexuellen Beschwerden, körperlichen Symptomen und psychosozialen Faktoren.
Für die Teilanalyse zur Häufigkeit sexueller Funktionsprobleme wurden 15 Studien mit 9319 Frauen ausgewertet. Bei durchschnittlich 61,24 Prozent lag der Wert im Female Sexual Function Index (FSFI) unter der Schwelle von 26,55 Punkten. Der Fragebogen erfasst sechs Bereiche der sexuellen Funktion. Ein auffälliger Wert bedeutet jedoch nicht, dass eine ärztlich diagnostizierte, behandlungsbedürftige Störung vorliegt.
Das 95-Prozent-Konfidenzintervall reichte von 46,15 bis 75,29 Prozent. Die Unterschiede zwischen den Studien waren mit einem Heterogenitätswert von I² = 99,4 Prozent ausserordentlich gross. Zudem fanden die Forschenden statistische Hinweise auf einen Publikationsbias. Die zusammengefasste Häufigkeit ist deshalb mit erheblicher Unsicherheit verbunden und lässt sich nicht auf Frauen in der Schweiz übertragen.
Die Forschenden fanden Beeinträchtigungen in den Bereichen Verlangen, Erregung, Lubrikation, Orgasmus, Zufriedenheit und Schmerzen. Besonders deutlich waren Zusammenhänge mit vaginaler Trockenheit, Schmerzen sowie psychischen Belastungen. Die Ergebnisse zeigen jedoch nicht, dass diese Beschwerden bei allen Betroffenen gleich stark auftreten oder unmittelbar durch die Menopause verursacht werden.
Auch eine Fachübersicht von Rachel Pope aus dem Jahr 2025 beschreibt die sexuelle Funktion als Zusammenspiel mehrerer Bereiche. Sie berücksichtigt biologische Veränderungen ebenso wie persönliche Erfahrungen, psychische Gesundheit und das soziale Umfeld.
Was weniger Lust für den Orgasmus bedeutet
Wer seltener sexuelles Verlangen verspürt, hat deshalb nicht zwangsläufig Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen. Lust und Orgasmus sind unterschiedliche Bereiche der sexuellen Funktion, die sich unabhängig voneinander verändern können.
Allerdings können sich auch das Erreichen und das Erleben eines Orgasmus während und nach den Wechseljahren verändern. Die Metaanalyse von 2026 erfasst solche Schwierigkeiten, erlaubt aber keine allgemeingültige Aussage darüber, ob die Orgasmusfähigkeit erhalten bleibt oder abnimmt. Die bisherigen Untersuchungen unterscheiden zudem zwischen der Häufigkeit, der Schwierigkeit und der Zufriedenheit mit dem Orgasmus.
Viele der ausgewerteten Studien erfassen die sexuelle Funktion zu einem einzigen Zeitpunkt. Sie können deshalb individuelle Veränderungen über mehrere Jahre und deren Ursachen nur eingeschränkt beurteilen.
Wann eine Veränderung zur Belastung wird
Nicht jede Frau empfindet weniger Lust als Verlust. Manche sind mit einer geringeren Häufigkeit sexueller Aktivitäten zufrieden, andere vermissen eine frühere Form von Nähe oder erleben die Veränderung als belastend. Für die Einordnung sind die eigenen Bedürfnisse entscheidend, unabhängig von gesellschaftlichen Erwartungen oder der Häufigkeit sexueller Kontakte.
Das Universitätsspital Zürich nennt für die Definition einer sexuellen Funktionsstörung drei Kriterien: Die Probleme bestehen seit mindestens einem halben Jahr, gehen mit Leidensdruck einher und beeinträchtigen das sexuelle Erleben oder Verhalten. Diese Einordnung bezieht sich auf sexuelle Funktionsstörungen. Anhaltende Schmerzen können unabhängig davon eine frühere medizinische Abklärung erforderlich machen.
Auch Vergleiche mit anderen Frauen helfen nur begrenzt. Befragungen können Häufigkeiten und statistische Zusammenhänge sichtbar machen, aber keinen verbindlichen Massstab für das individuelle sexuelle Interesse festlegen. Weder eine bestimmte Zahl sexueller Kontakte noch eine bestimmte Orgasmushäufigkeit ist für alle Menschen erforderlich.
Unterschiedliche Bedürfnisse innerhalb einer Beziehung können Gespräche nötig machen. Daraus folgt jedoch keine Pflicht, das eigene sexuelle Verlangen an jenes einer anderen Person anzupassen. Ebenso wenig lässt sich aus geringerer Lust unmittelbar auf die Qualität einer Partnerschaft schliessen.

Wann eine ärztliche Abklärung sinnvoll ist
Bei einer ärztlichen Beurteilung ist wichtig, welche sexuellen Veränderungen aufgetreten sind, seit wann sie bestehen und wie sie sich auf das persönliche Wohlbefinden auswirken. Auch begleitende körperliche oder psychische Beschwerden können Hinweise auf mögliche Ursachen liefern.
Besonders wichtig ist es, anhaltende oder wiederkehrende Schmerzen ernst zu nehmen. Hinter Beschwerden beim Geschlechtsverkehr können neben menopausenbedingten Gewebeveränderungen auch andere körperliche Ursachen stehen. Brennen, auffällige Veränderungen im Genitalbereich oder Beschwerden der Harnwege sollten deshalb nicht ohne Untersuchung ausschliesslich den Wechseljahren zugeschrieben werden.
Je nach Beschwerden kommen ein Gespräch und eine körperliche Untersuchung infrage. Dabei geht es darum, mögliche gesundheitliche Ursachen zu erkennen und zu klären, ob weitere Untersuchungen erforderlich sind.
Wer unter anhaltenden sexuellen Beschwerden oder Schmerzen leidet, sollte diese ärztlich abklären lassen. Das gilt auch dann, wenn Unsicherheit darüber besteht, ob eine Veränderung mit den Wechseljahren zusammenhängt.



