Nach Angaben von Alzheimer Schweiz hatte 2022 rund die Hälfte der Menschen mit Demenz keine fachärztliche Diagnose. Das hat Folgen für die Behandlung: Wer erst spät abgeklärt wird, kann von bestimmten Behandlungsmöglichkeiten möglicherweise weniger profitieren.
Jährlich erkranken rund 35’800 Menschen
Nach den aktuellen Schätzungen von Alzheimer Schweiz leben 166’300 Menschen mit einer Demenzerkrankung. Jedes Jahr kommen ungefähr 35’800 Neuerkrankungen hinzu. Umgerechnet bedeutet das, dass im Durchschnitt etwa alle 15 Minuten eine Person neu erkrankt.
Bei diesen Angaben handelt es sich um Schätzungen für das Jahr 2026. Eine vollständige Erfassung sämtlicher Demenzerkrankungen gibt es in der Schweiz nicht. Das Bundesamt für Gesundheit weist darauf hin, dass die verfügbaren Daten laufend weiterentwickelt werden.
Demenz bezeichnet verschiedene Erkrankungen, bei denen die geistigen Fähigkeiten zunehmend beeinträchtigt werden. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form. Die Ursachen und Krankheitsverläufe unterscheiden sich, weshalb eine genaue medizinische Einordnung für die Behandlung wichtig ist. Rund zwei Drittel der Menschen mit Demenz in der Schweiz sind Frauen.
Die Zahl der Betroffenen dürfte mit der Alterung der Bevölkerung weiter steigen. Nach aktuellen Berechnungen könnten im Jahr 2050 rund 287’800 Menschen in der Schweiz mit Demenz leben. Solche Vorausberechnungen hängen unter anderem von den zugrunde gelegten Bevölkerungsszenarien ab.
Warum viele Erkrankungen unerkannt bleiben
Ein wesentlicher Grund für die hohe Zahl fehlender Diagnosen liegt nach Einschätzung von Alzheimer Schweiz im gesellschaftlichen Umgang mit Demenz. Angst vor der Krankheit und bestehende Tabus können dazu beitragen, dass Betroffene eine Abklärung hinauszögern.
Die Vorstellung einer fortschreitenden Erkrankung, die zunehmend die Selbstständigkeit beeinträchtigen kann, ist belastend. Auch die Sorge vor Veränderungen im familiären und sozialen Umfeld kann eine Rolle spielen. Alzheimer Schweiz setzt sich deshalb seit Jahren dafür ein, Vorurteile abzubauen und einen offeneren Umgang mit Demenzerkrankungen zu fördern.
Eine fehlende Diagnose bedeutet allerdings nicht in jedem Fall, dass eine betroffene Person ihre Beschwerden bewusst verdrängt. Die Abklärung kann aufwendig sein, und Demenz lässt sich nicht allein aufgrund einzelner Beobachtungen feststellen.
Für eine fachärztliche Diagnose kommen verschiedene Untersuchungen infrage. Dazu gehören medizinische und neuropsychologische Abklärungen sowie, je nach Situation, bildgebende Verfahren. Welche Untersuchungen erforderlich sind, hängt vom individuellen Fall ab.
Was eine späte Diagnose für die Behandlung bedeutet
Die zeitliche Verzögerung kann Folgen haben. Nach Angaben von Alzheimer Schweiz kommen viele Menschen erst dann zur Abklärung, wenn ihre Erkrankung bereits weiter fortgeschritten ist. Dadurch können Behandlungsmöglichkeiten, die besonders in früheren Krankheitsstadien eingesetzt werden, eingeschränkt sein.
Bei der Alzheimer-Krankheit stehen Medikamente zur Verfügung, die geistige Fähigkeiten vorübergehend stabilisieren oder Beschwerden lindern können. Der mögliche Nutzen hängt unter anderem vom Krankheitsstadium ab. Eine Heilung der Alzheimer-Krankheit ist bislang nicht möglich.

Die verschiedenen Demenzformen sprechen zudem unterschiedlich auf Medikamente an. Deshalb ist die genaue Diagnose entscheidend, bevor eine geeignete Behandlung festgelegt werden kann. Eine frühzeitige Abklärung schafft dafür bessere Voraussetzungen.
Eine Diagnose ist auch für die weitere Lebensgestaltung bedeutsam. Betroffene können sich mit ihrer Situation auseinandersetzen, Unterstützungsangebote kennenlernen und Entscheidungen über ihre persönliche Zukunft treffen. Angehörige erhalten die Möglichkeit, sich auf veränderte Anforderungen einzustellen und Beratung in Anspruch zu nehmen.
Auch Menschen unter 65 Jahren erkranken
Demenz betrifft überwiegend ältere Menschen. Das Alter gilt als der grösste Risikofaktor, dennoch kommen Demenzerkrankungen auch deutlich vor dem Pensionsalter vor.
Nach den aktuellen Angaben von Alzheimer Schweiz erkranken über 8200 Menschen vor dem 65. Lebensjahr an einer Demenz. Das entspricht ungefähr fünf Prozent aller Erkrankten. Sie befinden sich häufig noch mitten im Berufs- und Familienleben.
Für diese Menschen entstehen besondere Herausforderungen. Berufliche Verpflichtungen, finanzielle Verantwortung und die Betreuung eigener Kinder können weiterhin zum Alltag gehören. Alzheimer Schweiz weist deshalb darauf hin, dass jüngere Erkrankte und ihre Familien andere Unterstützungsangebote benötigen als Menschen, die erst im höheren Alter erkranken.
Auch die Angehörigen sind erheblich betroffen. Nach Angaben der Organisation kommen auf jede erkrankte Person ein bis drei Menschen aus dem nahen Umfeld, deren Leben durch die Erkrankung unmittelbar beeinflusst wird.

Wie gross die damit verbundene Betreuungsleistung ist, zeigt eine Kostenstudie von Alzheimer Schweiz aus dem Jahr 2019. Sie bezifferte die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2017 auf 11,8 Milliarden Franken. Davon entfielen 5,5 Milliarden Franken auf den geschätzten Wert unbezahlter Betreuung und Pflege durch Angehörige.
Welche Risikofaktoren sich beeinflussen lassen
Demenz lässt sich nicht zuverlässig verhindern. Dennoch zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass verschiedene Lebensbedingungen und gesundheitliche Faktoren mit dem Erkrankungsrisiko zusammenhängen.
Die internationale Lancet-Kommission kam 2024 zum Schluss, dass rund 45 Prozent der Demenzerkrankungen weltweit mit 14 potenziell beeinflussbaren Risikofaktoren verbunden sind. Die Forschenden gehen davon aus, dass sich ein Teil der Erkrankungen durch Veränderungen dieser Faktoren verhindern oder hinauszögern liesse.
Dazu gehören unter anderem hoher Blutdruck, Rauchen, körperliche Inaktivität und übermässiger Alkoholkonsum. Wer auf seine Herz-Kreislauf-Gesundheit achtet, regelmässig körperlich aktiv ist und auf Tabak verzichtet, kann damit auch sein Demenzrisiko verringern. Ein Teil dieses Zusammenhangs betrifft Erkrankungen, bei denen Durchblutungsstörungen im Gehirn eine Rolle spielen.
Ein weiterer Faktor ist die Bildung. Geistige Anregung über das Leben hinweg kann dazu beitragen, kognitive Reserven aufzubauen und zu erhalten. Diese Reserven können es dem Gehirn ermöglichen, krankheitsbedingte Veränderungen über längere Zeit auszugleichen.
Auch die Behandlung einer Schwerhörigkeit und regelmässige soziale Kontakte gehören zu den wichtigen Ansatzpunkten. Alzheimer Schweiz nennt ausserdem eine gute Schlafqualität als Bestandteil einer gesundheitsfördernden Lebensweise.
Die 45 Prozent sind jedoch eine statistische Schätzung für Bevölkerungen. Sie besagen nicht, dass sich jede einzelne Erkrankung durch einen bestimmten Lebensstil verhindern liesse. Viele Ursachen können zusammenwirken, darunter auch Faktoren, die sich nicht beeinflussen lassen. Aus einer Demenzerkrankung lässt sich deshalb keine persönliche Verantwortung oder Schuld ableiten.
Beratung für Betroffene und Angehörige
Alzheimer Schweiz bietet unter der Telefonnummer 058 058 80 00 das Alzheimer-Telefon an. Die Beratungsstelle informiert über Demenzerkrankungen, medizinische Abklärungen und Unterstützungsmöglichkeiten. Auch die kantonalen Sektionen von Alzheimer Schweiz beraten Betroffene und Angehörige.



