Zwischen den Schweizer Kantonen unterscheiden sich die Kaiserschnittraten deutlich. Zürich gehört bei den unbereinigten Zahlen zu den Kantonen mit einer besonders hohen Rate. Medizinische Risiken erklären einen Teil dieser Unterschiede, aber nicht alles. Eine neue Auswertung des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan zeigt: Auch nachdem individuelle Risikofaktoren berücksichtigt wurden, blieben erhebliche regionale Unterschiede bestehen. Erst als das behandelnde Spital in die Berechnung einbezogen wurde, wurden sie deutlich kleiner.
Medizinische Risiken erklären einen grossen Teil
Rund ein Drittel aller Kinder in der Schweiz kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Hinter diesem schweizweiten Wert verbergen sich jedoch deutliche regionale Unterschiede.
Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium Obsan hat diese Unterschiede genauer untersucht. Für das im August 2026 veröffentlichte Bulletin «Kaiserschnitte in der Schweiz. Regionale Unterschiede und mögliche Ursachen» analysierten Florence Stempfel, Reto Jörg und Jonathan Zufferey mehr als 740’000 Geburten aus den Jahren 2015 bis 2023.
Zunächst zeigt die Untersuchung, was medizinisch zu erwarten ist: Die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts hängt stark von der individuellen Situation während Schwangerschaft und Geburt ab.
Eine wichtige Rolle spielen unter anderem frühere Kaiserschnitte, die Lage des Kindes, das Alter der Mutter und Mehrlingsschwangerschaften. Besonders deutlich wird das bei einzelnen medizinischen Faktoren. Nach einem vorausgegangenen Kaiserschnitt ist die statistische Wahrscheinlichkeit für einen weiteren bei der zweiten Geburt rund achtmal höher. Bei einer Fehllage der Plazenta ist sie mehr als fünfzigmal höher.

Solche Unterschiede zeigen zugleich, warum ein einfacher Vergleich von Kaiserschnittraten zwischen Regionen oder Spitälern schnell in die Irre führen kann. Ein Spital, das viele Schwangerschaften mit entsprechenden medizinischen Risiken betreut, kann allein deshalb eine höhere Rate aufweisen.
Auch deshalb haben die Forschenden die individuellen medizinischen und soziodemografischen Merkmale in ihren Berechnungen berücksichtigt.
Auch nach der Bereinigung bleiben Unterschiede
Entscheidend ist, was danach passiert. Denn selbst nachdem die bekannten individuellen Risikofaktoren statistisch berücksichtigt wurden, blieben zwischen den Kantonen erhebliche Unterschiede bestehen.
Die medizinische und soziodemografische Ausgangslage der Frauen konnte die regionalen Unterschiede also nicht vollständig erklären.
Das bedeutet nicht, dass die verbleibenden Unterschiede automatisch auf unnötige Kaiserschnitte zurückzuführen sind. Die Untersuchung zeigt zunächst, dass neben den individuell gemessenen Risiken weitere Faktoren mit der Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts zusammenhängen.
Besonders auffällig ist Zürich. Der Kanton weist bei den nicht bereinigten Werten eine der höchsten Kaiserschnittraten der Schweiz auf. Welche Rolle dabei die Zusammensetzung der Patientinnen spielt und welcher Anteil mit anderen Faktoren zusammenhängt, lässt sich aus der rohen Rate allein nicht ablesen.
Deshalb gingen die Forschenden einen Schritt weiter und nahmen das behandelnde Spital in ihre statistischen Modelle auf.
Mit dem Spital werden die Unterschiede deutlich kleiner
In diesem Schritt veränderte sich das Bild deutlich. Sobald berücksichtigt wurde, in welchem Spital eine Frau gebar, schrumpften die kantonalen Unterschiede stark.
Das Obsan schliesst daraus, dass die regionalen Unterschiede wesentlich mit spitalspezifischen Faktoren und der jeweiligen medizinischen Praxis zusammenhängen dürften. Gegenüber SRF äusserte sich dazu auch Florence Stempfel, wissenschaftliche Projektleiterin beim Obsan.
Wichtig ist die Grenze dieses Befunds: Die Untersuchung zeigt einen Zusammenhang, keine nachgewiesene Ursache. Aus den Daten lässt sich deshalb nicht ableiten, dass einzelne Spitäler zu häufig operieren oder eine bestimmte medizinische Entscheidung falsch getroffen wurde.
Kaiserschnitte sind in vielen Situationen medizinisch notwendig und können Leben retten. Gleichzeitig können die Autorinnen und Autoren nicht abschliessend erklären, weshalb sich die Kaiserschnittraten zwischen einzelnen Spitälern unterscheiden.
Eine mögliche Erklärung könnte bereits bei der Wahl der Geburtsklinik beginnen. Die Forschenden nennen die Möglichkeit, dass Frauen gezielt Spitäler wählen könnten, deren Geburtsmedizin ihren Vorstellungen entspricht. Untersucht wurde dieser mögliche Effekt jedoch nicht.
Damit bleibt offen, welche konkreten Abläufe, Entscheidungsprozesse oder Eigenschaften eines Spitals hinter dem statistischen Zusammenhang stehen.
Geburtshilfe ist Teamarbeit und nicht vollständig planbar
Für die Praxis ist der Befund auch deshalb interessant, weil Geburten nur begrenzt vorhersehbar sind. Selbst bei einer unauffälligen Schwangerschaft kann sich der Verlauf während der Geburt verändern und medizinische Entscheidungen notwendig machen.

Dabei arbeiten unterschiedliche Berufsgruppen zusammen. Hebammen begleiten die Geburt, Ärztinnen und Ärzte beurteilen medizinische Situationen und greifen ein, wenn dies erforderlich wird. Auch zusätzliche Begleitpersonen können für Eltern eine Rolle spielen. Wie eine Doula die Gebärende vor und während der Geburt begleitet, beschreibt ein eigener healthfullness-Beitrag. Die Doula übernimmt dabei keine medizinischen Aufgaben und ersetzt keine Hebamme.
Anne Steiner vom Schweizerischen Hebammenverband hat den Obsan-Bericht begleitet. Sie leitet das Geburtshaus am Kantonsspital Aarau und sagte gegenüber SRF, sie sei vom Ergebnis der Untersuchung nicht überrascht gewesen.
Steiner beschreibt Geburtshilfe als aufwendige Bereitschaftssituation. Rund um die Uhr müsse ein Team bereitstehen, obwohl niemand im Voraus wisse, wann eine Geburt beginne und wie sie verlaufen werde. Hebammen und Ärztinnen verschiedener Professionen stünden bereit, in der Hoffnung, möglichst nichts tun zu müssen.
Anne Steiner spricht auch über die Vergütung
Steiner nennt gegenüber SRF einen weiteren Punkt. Nach ihrer Einschätzung gebe es am Ende, auch wenn eine Geburt aufwendig gewesen sei, deutlich weniger Geld als für einen Kaiserschnitt.
Diese Aussage ist als ihre Einschätzung einzuordnen. Aus der Obsan-Studie lässt sich nicht ableiten, dass finanzielle Anreize Kaiserschnitte verursachen. Ein solcher ursächlicher Zusammenhang ist mit den vorliegenden Daten nicht belegt.
Steiner verweist zudem auf die langfristige gesundheitliche Perspektive. Auf das grosse Ganze gesehen sei es gesünder, langfristig keinen Kaiserschnitt im Leben gehabt zu haben.
Das ist keine pauschale Bewertung gegen Kaiserschnitte. Ein Kaiserschnitt kann medizinisch notwendig sein und Leben retten. Welche Geburtsform in einer konkreten Situation medizinisch angezeigt ist, hängt von der individuellen Situation von Mutter und Kind ab.
Was der Befund für Schwangere bedeutet
Die Studie liefert keinen Grund, Schwangere gegenüber einem bestimmten Spital oder einer bestimmten Geburtsform zu verunsichern. Sie zeigt vielmehr, dass die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts nicht nur mit den individuellen medizinischen Risiken zusammenhängt.
Für werdende Eltern lässt sich daraus keine allgemeine Empfehlung für oder gegen ein Spital oder eine Geburtsform ableiten. Fragen zur Geburtsplanung, zu früheren Kaiserschnitten oder zu möglichen medizinischen Eingriffen gehören in die persönliche Betreuung durch die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt und die Hebamme.



